Wer mit Thomas Oelsner spricht, merkt schnell, dass der Biathlet der Zeit vor seiner Behinderung oft nachtrauert. Der contergangeschädigte Josef Giesen nimmt seine Behinderung gelassener. Er kennt es nicht anders. Ein Vorteil im Kampf um Medaillen?

Vor 19 Jahren hatte Oelsner diesen Motoradunfall. Dabei verlor er einen Arm. Oelsner war schon vor seinem Unfall ein erfolgreicher Langläufer. Er besucht die Kinder- und Jugendsportschule der DDR in Oberhof. Und als die Mauer fiel, wechselte Oelsner in den Nationalkader des DSV. 1991 galt Oelsner als talentierter Nachwuchsläufer. Perspektive: Winterspiele 1992 in Albertville. Sein Unfall zerstörte alles. Daran hat Oelsner noch heute zu knabbern.
"Manchmal bin ich deshalb schon ein bisschen traurig", sagt Oelsner. Andererseits sei der Unfall nun schon so viele Jahre her, da verdränge man das. "Mittlerweile habe ich keine Probleme mehr damit. Aber wenn sie mich jetzt auf den Kopf fragen, ob ich meinen Arm zurück haben will, dann sage ich natürlich ja, sonst wäre ich ja blöd."
Josef Giesen kennt seinen Kaderkollegen Thomas Oelsner wie nur wenige, seit einem Jahrzehnt liegt er bei Wettkämpfen mit ihm auf einem Zimmer. "Thomas kann seine Behinderung manchmal nicht akzeptieren und steigert sich dann da rein", sagt Giesen. Vor allem in den ersten Jahren nach einem Unfall sei es deshalb ungleich schwerer, gute Leistungen zu bringen. Giesen selbst ist von Geburt an contergangeschädigt und hat keine Probleme mit seiner Behinderung. "Ich habe ja keinen Vergleich."
Auch Heinrich Popow, der als Sprinter und Weitspringer bei Sommer-Paralympics schon vier Medaillen gewonnen hat, ist ähnlicher Meinung wie Giesen. In der Grundschule wurde Popow wegen einer seltenen Krebserkrankung ein Bein amputiert. Weil die Amputation so früh kam, sieht sich Popow mental im Vorteil. "Wenn ich noch wüsste, wie es mit zwei gesunden Beinen ist, würde mich das viel mehr stören."
Zumindest einen Vorteil, das kommt bei fast allen zur Sprache, können per Unfall oder Krankheit zur Behinderung gekommene Athleten aber doch haben: Falls Sie vorher Leistungssport betrieben haben, haben sie bereits körperliche Voraussetzungen, die sich Menschen mit angeborener Behinderung eventuell niemals erarbeiten können.
So war es auch bei Thomas Oelsner, der die ersten Jahre seiner Paralympics-Karriere von seinen enormen Grundlagen im Ski-Langlauf profitierte. "Aber das ist alles eine Sache des Trainings. Und der Kopf ist schwerer zu trainieren als die Muskulatur", glaubt Heinrich Popow.
"Es gibt auch Athleten, die nach ihrem Unfall überhaupt nichts mehr mit Sport zu tun haben wollen, weil sie nie mehr das erreichen können, was sie vorher erreicht haben", sagt Peter Van de Vliet, der medizinischer Direktor beim Internationalen Paralympischen Komitee ist. Kompliziert ist die Lage laut Van de Vliet zudem bei Sehbehinderten. "Wer von Geburt an blind ist, hat ein ganz anderes Körpergefühl als später erblindete."
In Deutschland werden vom statistischen Bundesamt im Jahr 2007 nur 300.000 der etwa sieben Millionen Behinderungen als angeboren geführt. Im Sport scheint die Quote auf den ersten Blick etwas höher, eine Statistik wird im Internationalen Paralympischen Komitee IPC jedoch nicht geführt. Allerdings hat Van de Vliet mittlerweile wissenschaftliche Untersuchungen zur Thematik angeregt.
Schließlich wird davon auch die Klassifizierung der Athleten beeinflusst. Natürlich gebe es Unterschiede zwischen von Geburt an und später behinderten Menschen, die Frage sei jedoch, wo eine Grenze zu ziehen sei. "Liegt die entscheidende Schwelle bei 16 Jahren oder doch bei 20?" Die Ergebnisse könnten dabei helfen, den ganzen paralympischen Sport besser zu verstehen.