Länger gemeinsam lernen oder gegliedertes Schulsystem? Diese Frage spaltet auch im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen die Parteien. ZDFonline hat zwei Experten beider Lager um einen Gastkommentar gebeten. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, spricht sich für die Beibehaltung des gegliedertes Schulsystems aus.
"Es gibt keine Mehrheit für eine Abschaffung der bisherigen Schularten zugunsten einer Gemeinschafts- oder Gesamtschule. Und selbst eine Verlängerung der Grundschulzeit lehnen laut neuester Forsa-Umfrage vom April 2010 fast 60 Prozent der Bürger ab. Vor allem dann, wenn die Fragestellung die Konsequenz der Kürzung und Abschaffung anderer Schularten aufzeigt.
Dabei verweisen namhafte Bildungsforscher wie Baumert, Köller und Prenzel immer wieder darauf, dass sich durch Strukturreformen allein gar nichts zum Besseren wendet. Im Gegenteil: Durch den Schulstrukturkampf der 70er Jahre haben wir in Deutschland 30 Jahre Schulentwicklung verschlafen.
Meidinger sitzt dem Deutschen Philologenverband (DPhV) vor. Der DPvH vertritt vor allem die Interessen von Gymnasiallehrern.
Die Argumente der Befürworter von Gemeinschaftsschulen enthalten jede Menge an Hoffnung, Erwartung und Glauben, aber wenig Empirie. Die deutschen Gesamtschulen haben weder zu besseren Leistungen, noch zu mehr Bildungsgerechtigkeit geführt. In Brandenburg, dem einzigen Bundesland mit verpflichtender längerer Grundschulzeit für alle, hat sich die Chance eines Arbeiterkindes, das Gymnasium zu besuchen, von 2000 bis 2006 rapide verschlechtert, auch bei der Leistungsskala steht das Land schlecht da.
Kein Mensch behauptet, dass es nur drei Begabungstypen gibt, es gibt vielfältigste Begabungsprofile, weshalb eigentlich jedes Kind eine eigene Schule, einen eigenen Lehrer bräuchte. Da dies aber rein finanziell und organisatorisch, aber auch aus gesellschaftlichen Gründen nicht möglich ist, ist ein differenziertes Angebot von Schulen, das Eltern Wahlmöglichkeiten sichert, der beste Kompromiss. Verschiedene Schularten bereiten am besten auf unterschiedliche Abschlüsse vor. Die unterschwellige Hoffnung vieler Gesamtschulanhänger, letztendlich allen Schülern eine Hochschulberechtigung aushändigen zu können, ist illusorisch und produziert nur Frustration und Enttäuschung.
Wichtig ist, dass die frühzeitige begabungsgerechte Förderung in verschiedenen Schularten keine Sackgassen und keine Einbahnstraßen produziert. Wenn bei einem Übergang auf das Gymnasium nach Klasse vier auch die Kinder, die nicht auf das Gymnasium übergetreten sind, weiterhin die Chance haben, bei entsprechenden Leistungen später das Abitur zu machen, und wenn nach erreichten Abschlüssen weiterhin alle Wege offen stehen, dann fällt auch das Argument in sich zusammen, der Übergang erfolge zu früh. 42 Prozent aller Studierenden an deutschen Hochschulen verfügen nicht über ein Abitur an einem Gymnasium.
Der Hinweis auf Finnlands erfolgreiches Gemeinschaftsschulsystem ist unvollständig, wenn nicht auch darauf hingewiesen wird, dass die zehn PISA-Schlusslichter alle Gemeinschaftsschulsysteme haben, dass alle anderen hochgerühmten skandinavischen Länder bei PISA hinter Deutschland rangieren und dass finnische Schüler 30 Prozent der Unterrichtszeit in spezifischen Kleingruppen außerhalb des Klassenunterrichts von zusätzlichen Lehrern beschult werden.
Auch die ständige Behauptung, kein Land außer Deutschland und Österreich 'selektiere' Kinder so früh, ist nicht haltbar. In den USA oder England müssen die Eltern bereits vor der Einschulung entscheiden, schicken sie ihr Kind auf eine teure, aber qualitativ gute Privatschule oder auf eine öffentliche Schule. Die Chance, an eine renommierte Uni zu kommen, führt aber ausschließlich über die Privatschule. Wer in Deutschland meint, über eine zwangsweise Abschaffung von Schularten Eltern zwingen zu können, ihr Kind in eine Schule für alle zu schicken, der täuscht sich. Die Konsequenz wird die Zweiteilung des Schulsystems in einen privaten und einen öffentlichen Bereich sein - mit weniger Bildungsgerechtigkeit und mit weniger Qualität als heute."