Im Frühjahr 2009 beklagte ein internes Schreiben an den Chef der Nürnberger Bundesagentur, Frank-Jürgen Weise, ein Überhandnehmen von überzogenem Controlling und Steuerung innerhalb der BA. Der Chef versprach zu handeln, kündigte eine spürbare Reduzierung von überzogenen Steuerungsmechanismen an. Inzwischen haben wir mit Jobvermittlern und Insidern gesprochen. Wollten wissen, wie sieht es heute aus? Und haben auch die Bundesagentur selbst um Einschätzung gebeten.
Der Brief an den Chef hatte es in sich - und der Verfasser betonte, dass er für viele sprechen würde: "Es gilt nur, auf Gedeih und Verderb ein zahlenmäßig vorgegebenes Agenturergebnis zu erreichen, damit ein ordentlicher Rangplatz in der Hitliste erreicht wird" Das habe zur Folge, "dass gestandene Führungskräfte der Veröffentlichung der Rangliste angsterfüllt entgegenfiebern." Vielerorts sei der Eindruck entstanden, "als wäre nicht die Arbeit am und mit dem Kunden unser Kerngeschäft, sondern Controlling, Qualitätsmanagement und Steuerung. Letzteres geschieht scheinbar immer mehr zum Selbstzweck." Die Forderung an den Chef war eindeutig: "...es muss Schluss sein mit diesem Zahlenfetischismus! Ich bitte Sie dringend, pfeifen Sie Ihre Zahlenknechte zurück und schaffen Platz für eine Führungskultur, die die Erbringung echter Arbeitsergebnisse fördert!"
Harte Worte - geschrieben an den Chef der Bundesagentur in Nürnberg, Frank-Jürgen Weise. Verfasst hatte sie der Vorsitzende des Hauptpersonalrates, Eberhard Einsiedler. Im Juni 2009, in einem internen Schreiben. Sechs Wochen später antwortete der Adressat und räumte Handlungsbedarf ein, versprach, "erkennbar und nachhaltig die Aktionen, Impulse und Formate von Controlling und Steuerung seitens der Zentrale gegenüber den Regionaldirektionen (zu) vereinfachen und (zu) reduzieren." "Wir wissen, dass der Brief nicht das System an sich infrage stellt, sondern das Ausmaß der Steuerung und Controllingaktivitäten in Summe", schreibt BA-Vorstandschef Weise weiter.
Diese Vereinfachungen müssten bis hinunter zu den Führungskräften und Mitarbeitern in den Arbeitsagenturen ankommen. Hat das stattgefunden? ZDF.reporter hat mit Mitarbeitern von Arbeitsagenturen gesprochen, unter Wahrung ihrer Anonymität. Sie schildern ihre Sicht, manche Probleme und auch kleine Tricks, die manchmal nötig seien, um im Controlling-Druck zu bestehen.
"Arbeitslosigkeit hat ja oft gewisse Wellenbewegungen, auf einmal kommt dann eine größere Zahl an Betroffenen", erzählt uns die Jobvermittlerin einer Thüringer Arbeitsagentur. "Aber die Controlling-Instrumente sind da nicht flexibel, die reagieren natürlich nicht auf so etwas. Oder, wenn auf einen Schlag mal drei meiner Kollegen krank sind, die Vorgaben an uns bleiben aber die gleichen!"
Im Schnitt habe sie als Vermittlerin ein Betreuungsverhältnis von 1:300 bis 1:400 Arbeitslosen. Das mache eine wirklich individuelle Jobvermittlung fast unmöglich. Sie rechnet vor, dass ihr angesichts der Zahl der zu betreuenden Arbeitslosen und der damit verbundenen Aufgaben für die reine Vermittlungsarbeit, für das gemeinsame Suchen nach einer passenden Stelle, pro Monat etwa zwölf Minuten Zeit blieben.

"Sie können sich ja vorstellen, was man dann in diesen zwölf Minuten leisten kann", so ihr nüchternes Fazit. Manchmal führten die strengen Controlling-Vorgaben fast zwingend dazu, dass man kleine Tricks anwenden müsse, um sie einzuhalten. "Wenn sich jemand arbeitslos meldet", so erzählt sie, "dann müssen wir innerhalb von zehn Arbeitstagen das Erstgespräch führen." Aber das sei mitunter gar nicht zu schaffen, weil etwa "eine größere Zahl an Arbeitslosen auf einen Schlag zu uns kommt."
Die Lösung: Man lade daher den Arbeitslosen zu dem Termin x ein, der frühestens machbar sei. Da damit aber die Zehn-Arbeitstage-Regel gebrochen würde, folgt nun der kleine Kunstgriff.
Der schon vergebene, aber weiter als zehn Tage in der Zukunft liegende Termin, werde noch nicht als bereits vergeben ins System eingetragen. Sondern nur eine Termin-Erinnerung, die minus zehn Tage vor dem vergebenen Termin liege und einen an den schon fixen Termin erinnere. Und erst am Tag der Termin-Erinnerung trage man dann die längst erfolgte Termin-Vergabe tatsächlich ein. Die Zehn-Tage-Regel werde somit formal eingehalten, das System "gibt dann natürlich Ruhe."
Die Bundesagentur in Nürnberg sagt uns dazu: "Wir haben, um unserer Aufgabe als kompetenter Dienstleister am Arbeitsmarkt gerecht zu werden, bestimmte fachliche Qualitätsstandards vorgegeben. Die Aufgabe der Führungskräfte vor Ort ist es, die Einhaltung dieser Standards (unter anderen zehn Tage bis zum Erstgespräch) bei ihrer Führungstätigkeit im Auge zu haben, aber nicht auf Biegen und Brechen. Denn die Mindeststandards sind kein Dogma!

Ein anderer Insider erzählt uns, dass auch aus seiner Sicht das Controlling übertrieben werde. "Sie haben die Zahlen zu erreichen, egal wie!", habe ihm einmal eine Vorgesetzte auf seine Klage über unrealistische Vorgaben gesagt. Und ihn störe, dass die Logik, "dass nur die Zahlen stimmen sollen", zu absurden Dingen führe. "Die Frau eines Freundes", so der Insider, "musste mal acht Monate lang, aber immer nur alle 14 Tage, an einem Mittwochnachmittag für zwei Stunden zu einem Bewerbungstraining. Aber das war ganz abstrakt, da gab es überhaupt keine konkreten Übungen." Der Sinn und Zweck dieser Maßnahme wäre ein ganz anderer gewesen: "So lange sie in dieser Maßnahme war, galt ihre Arbeitslosigkeit als unterbrochen. Sie flog also aus der Statistik" - nur darauf käme es dann in solchen Fällen oft an.
Auf dieses Beispiel angesprochen, teilt uns Ilona Mirtschin, Pressesprecherin der Bundesagentur in Nürnberg mit: "Die Bundesagentur für Arbeit 'versteckt' auch keine Arbeitslosen in Maßnahmen, um die Statistik zu schönen. Wir fördern Arbeitslose, damit sich ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz erhöhen. Außerdem weisen wir seit dem vergangenen Jahr monatlich neben der Arbeitslosigkeit auch die Unterbeschäftigung aus, die die Maßnahmeteilnehmer berücksichtigt. Wir wollen damit die erforderliche Transparenz schaffen."
Die Politik, so aber das Fazit unseres Insiders, erwarte eben von Nürnberg gute Zahlen. Und die wolle Nürnberg auch erbringen. "Früher bekamen wir immer Milliarden-Zuschüsse, bis vor kurzem hatten wir noch ein Milliardenpolster. Aber wir haben uns gelöst vom sozialen Auftrag, Menschen in Arbeit zu bringen," so die Sicht unseres Insiders.
Dazu bemerkt BA-Pressesprecherin Ilona Mirtschin: "Die Bundesagentur für Arbeit ist eine sehr große Organisation. Da werden Sie immer einzelne Mitarbeiter finden, die unzufrieden sind; der Regelfall ist das aber nicht."
Die Kritiker des Controlling-Umfangs aber dürften sich durch eine Passage des Antwortschreibens von BA-Chef Weise dennoch bestätigt gefühlt haben. Schon im ersten Absatz heißt es da: "Unsere Rücklage von 17 Milliarden Euro versetzt die Bundesregierung in die einmalige Lage, in diesem Jahr - also in der Zeit einer beispiellosen Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - kein Geld nach Nürnberg überweisen zu müssen. Der Preis dieser Entwicklung war hoch."