Jedes Jahr schicken deutsche Jugendämter hunderte Problemkinder zwischen elf und 17 Jahren ins Ausland, damit sie dort auf den rechten Weg kommen. Schwer kontrollierbare Vereine profitieren von dem lukrativen Geschäft. Ein Recherche-Bericht von Manuela Conrad.
Polen, Rumänien, Kirgistan, Portugal - die Liste der Länder ist lang, in denen Jugendhilfemaßnahmen für deutsche Kinder durchgeführt werden. Viele der Jugendlichen sind drogenabhängig, haben Straftaten begangen oder sind schwer erziehbar. In Deutschland haben sie oft eine lange Heimkarriere hinter sich. Die Jugendhilfe im Ausland ist für viele die "letzte Chance". Für meinen Film habe ich recherchiert, wie effizient diese Auslandsaufenthalte sind - und wer tatsächlich von ihnen profitiert.
Die Jugendämter zahlen zwischen 4000 und 6000 Euro, um junge Leute weit weg von Deutschland auf den rechten Weg zu bringen. Sie vergeben Aufträge an deutsche private Träger, die wiederum mit Subträgern im Ausland zusammenarbeiten - in mindestens 23 Ländern. Darunter Namibia, Kirgistan, Estland, Indien, Polen, Rumänien und Russland.
Die Subträger in den jeweiligen Ländern arbeiten häufig wiederum mit Betreuerfamilien zusammen. Ein langer Weg, der nicht immer transparent ist. Keiner weiß genau, wie viele Gelder bei welcher Station hängen bleiben. Nach Schätzungen einer Studie der Universität Lüneburg werden pro Jahr 26 Millionen Euro für Auslandsmaßnahmen ausgegeben. Eine ganze Sozialbranche verdient hiermit ihr Geld.
Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen kritisiert die fehlende Transparenz der Geldverteilung. "Angesichts der extrem niedrigen Löhne, die in vielen der Länder dem Betreuungspersonal gezahlt werden, stellt sich die Frage, wer Hauptempfänger der Mittel ist", sagt er. Eine ehemalige Betreuerin aus Portugal schildert es drastischer: "Man kann von einer Sozialmafia sprechen - das wenigste Geld wird eigentlich am Kind ausgegeben."
Geld ist das eine - Hilfe das eigentliche. Mich interessiert: Nutzen die teuren Maßnahmen den Kindern wenigstens? Die Wissenschaftler kommen zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen, was die Wirkung solcher Aufenthalte für problematische Jugendliche angeht.
Eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg kommt zu ernüchternden Ergebnissen. Das Aggressionspotential dieser Jugendlichen ist der Studie zufolge trotz der Maßnahme auf einem unverändert hohen Niveau. Zudem fänden diese Jugendhilfemaßnahmen im weitgehend rechtsfreien Raum statt und die Kinder würden oft durch unqualifizierte Betreuer beaufsichtigt.
Andere Studien kommen zu wohlwollenden Ergebnissen: Das Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz bescheinigt den individualpädagogischen Hilfen im Ausland eine hohe Wirksamkeit und überdurchschnittliche Effizienz. Demnach gelingen bei solchen Aufenthalten der Aufbau von Ressourcen und die Reduzierung von Defiziten wesentlich besser als beispielsweise bei einem Heimaufenthalt oder einer Maßnahme im Inland.
Wie viele Problemjugendliche sind eigentlich im Ausland in einer so genannten intensivpädagogischen Maßnahme, fragte ich mich und wunderte mich über die unterschiedlichen Angaben. Zwischen 448 bis 600. So weit schwanken die Zahlen. Genau weiß es weder das Statistische Bundesamt, noch das Familienministerium.
Eine wissenschaftliche Befragung der Jugendämter und Träger muss herhalten, denn amtliche Statistiken werden kaum geführt. Jugendhilfe sei kommunale Aufgabe, heißt es immer wieder. Und die Jugendämter handeln autark. Die Landesjugendämter haben weder eine Kontrolle, noch eine systematische Auflistung der Fälle im Ausland. Der Landesverband Rheinland versucht es immerhin mit Transparenz. Seine Mitglieder werden verpflichtet, die "Auslands-Fälle" an die Behörde zu melden.
Der Staat hat die Jugendhilfe in die Hände privater Träger gegeben. Diese sind fast komplett Herr über ihre Maßnahmen. Sicher, einige Jugendämter beobachten die Arbeit der Träger durch Besuche sehr genau. Allerdings, so berichten ehemalige Betreuer, werden diese Besuche vom Amt vorher angekündigt: "Da könne man schön den roten Teppich auspacken."
Eine weltweite Umfrage aller Auslandsvertretungen vor vier Jahren zeigte auf: Jugendliche begehen im Ausland teils schwere Straftaten. Zudem werden Rechtsvorschriften des Gastlandes durch die Betreuer verletzt, besonders in den Bereichen Ausländer-, Arbeits- und Steuerrecht, so das Ergebnis der Umfrage.
Ein Referatsleiter des Auswärtigen Amts wird konkret: Immer wieder führten erlebnispädagogische Maßnahmen im Ausland zu tragischen Vorfällen mit erheblichem Schaden für das Ansehen Deutschlands. Die Vergewaltigung einer 82-jährigen Polin durch einen 14-jährigen deutschen Jugendlichen erregte Aufsehen. Der Jugendliche befand sich bereits seit vier Jahren in einer Jugendhilfemaßnahme in Polen.
Auch inhaltlich erscheinen mir einige der Maßnahmen fragwürdig. In einem Projekt in Portugal wurden Jugendliche betreut: traumatisierte, drogensüchtige und kriminelle Kinder. Die Pädagogen Michael Hesse und Christian Dornig sagen, dass dabei Grenzen überschritten würden: Eine schwer drogensüchtige, stark suizidgefährdete Jugendliche wurde direkt aus der Psychiatrie nach Portugal gebracht.
Ein solch schwieriger Fall - so die beiden Pädagogen - hätte sofort zurück nach Deutschland geschickt werden müssen. Doch er wurde weiter geführt. Jugendliche in der Einrichtung zu halten, ist erklärtes Ziel vieler privater Vereine. Meist wird eine Verlängerung des Aufenthaltes gut pädagogisch begründet, die Jugendämter sind leicht zu überzeugen.
Trotz der vielen Kritikpunkte hat sich die Branche in den vergangenen Jahren versucht selbst zu reinigen. Es gilt, schwarze Schafe los zu werden, die schlechte pädagogische Arbeit leisten und mit zweifelhaften Mitteln arbeiten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Individualpädagogik (AIM) versucht Träger unter ihr Dach zu holen, die genau dies versprechen: Qualitätsstandards zu erfüllen. Doch die Kontrolle dürfte schwer sein, ein Ausschluss aus dem Verband auch.
Auch wenn die Negativ-Fälle immer wieder für Schlagzeilen sorgen: Viele der Maßnahmen verlaufen ohne Vorkommnisse. Zurzeit gibt es eine Anstrengung des Christophorus Jugendwerkes in Ober-Rimsingen auf europäischer Ebene. Sie wollen durchsetzen, dass es einheitliche Qualitätsstandards für die Durchführung solcher Maßnahmen und verbindliche Meldeverfahren gibt: zum Wohle der Kinder.