Als Arzt in der Schweiz Patienten operieren? Oder doch lieber als Chemiker von Australien aus die Forschung revolutionieren? Immer mehr deutsche Akademiker zieht es ins Ausland: Nicht nur das Fernweh treibt sie, sondern vor allem die miserablen Berufsaussichten und fehlenden Aufstiegschancen in der Heimat. Jeder fünfte Nachwuchswissenschaftler würde für den Traumjob auswandern. ZDF.reporter haben zwei Akademiker ins Ausland begleitet.
Ingo Köper hat es schon geschafft: Der Chemiker wohnt gerade einmal 100 Meter vom Strand von Adelaide entfernt. "Ich habe keine Sekunde bereut, ans andere Ende der Welt gegangen zu sein", sagt der 36-jährige Wissenschaftler. In Deutschland wurde sein Ordner mit abgelehnten Bewerbungen immer dicker, an der australischen Uni haben sie dem top ausgebildeten Akademiker gleich eine Professorenstelle angeboten.
Ingo Köper hat alles richtig gemacht. Dabei sind auch im Ausland die Stellen limitiert, die Anforderungen an Bewerber hoch. Wie es trotzdem klappt, verrät Beate Raabe von der Bonner Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) - der ersten Anlaufstelle für alle Arbeitswilligen, die ins Ausland wollen. Jährlich vermittelt die Personalagentur der Bundesagentur für Arbeit 10.000 Jobs außerhalb Deutschlands
Die Bonner Zentrale für Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) ist die erste Anlaufstelle für alle Arbeitswilligen, die ins Ausland wollen. Die internationale Personalagentur der Bundesagentur für Arbeit vermittelt jährlich 10.000 Deutsche weltweit.
Für Wissenschaftler, die im Universitätsbetrieb, aber nicht in Deutschland bleiben wollen, ist der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) zuständig. Er fördert lang- und kurzfristige Lehrtätigkeit an ausländischen Unis.
Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) vermitteln Entwicklungshelfer, die im Ausland arbeiten.
"Solide Sprachkenntnisse des Ziellandes sind schon mal die Grundvoraussetzung. Wer nur Deutsch spricht, kann gerade mal in Österreich oder in der Schweiz arbeiten", sagt die Expertin. Kein Wunder, dass gerade diese Länder besonders beliebt sind. Dicht gefolgt von den USA oder Großbritannien: Hier wurden in den vergangenen Jahren zum Beispiel besonders viele Sozialpädagogen gesucht. In welchen Ländern welche Stellen angeboten werden, kann jeder unter www.ba-auslandsvermittlung.de nachschauen.
Am leichtesten finden ausreisewillige Arbeitssuchende in Europa einen neuen Job. Über 570.000 offene Stellen gibt es bei der europäischen Jobbörse Eures "Berufspendler über die Grenzen hinweg sind hier dank der Arbeitnehmerfreizügigkeit genauso selbstverständlich wie Pendler, die in Bayern leben und in Baden-Württemberg arbeiten", sagt Raabe.
Wer weiter weg will, hat mehr Hürden zu nehmen. "Meistens bestehen in außereuropäischen Ländern für deutsche Arbeitnehmer nur dann Chancen, wenn die Arbeitgeber nicht genügend gut ausgebildete heimische Fachkräfte finden", gibt die Expertin zu bedenken. Das heißt, Hochqualifizierte sind klar im Vorteil. Trotzdem gilt für alle: Der Versuch lohnt. "Arbeit im Ausland ist ein Pluspunkt im Lebenslauf", meint Raabe.
Aber dieser Schritt müsse gut geplant sein, so die ZAV-Expertin. "Von der ersten Idee, im Ausland zu arbeiten, bis zum ersten Arbeitstag können einige Monate vergehen. Bewerber, die innerhalb weniger Tage im Ausland arbeiten, sind die Ausnahme." Denn nach der Stellensuche folgt die Bewerbung, dann eine Runde mit Vorstellungsgesprächen.
Auch für die Wohnungssuche und die Klärung von Versicherungsfragen muss genügend Zeit eingeplant werden. "Informationen zu allen rechtlichen Angelegenheit klären die Auslandsinteressierten am besten mit der jeweiligen Sozialversicherung, da ausgehend von der grundsätzlichen Regelung immer die individuelle Situation betrachtet werden muss", rät Raabe.
Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten kann ein Auslandsaufenthalt eine echte Chance sein. Während hierzulande die Stellen knapp werden, ist Auswandern auf Zeit eine mögliche Alternative: Auslandserfahrung macht sich im Lebenslauf viel besser als Arbeitslosigkeit. Und wer dann nach Deutschland zurückkommt, ist klar im Vorteil. "Die Beschäftigungschancen für Rückkehrer wachsen, da der Bedarf an qualifizierten Fachkräften ansteigen wird", sagt Raabe. Damit kann Arbeit im Ausland ein echtes Karriere-Sprungbrett sein.
Reportage von Carsten Rüger
Kamera: Nadja Schex
Schnitt: Carla Sperber
Sendetermin: 28.Januar 2010 bei ZDF.reporter