In den Staaten der Europäischen Union leidet nach Angaben der EU-Kommission derzeit jedes vierte Kind unter 14 Jahren an Übergewicht; jährlich kommen rund 400.000 hinzu. In Deutschland ist jedes siebte Kind zu dick, bei jedem 16. Kind im Grundschulalter diagnostizieren Ärzte Adipositas, eine krankhafte Fettleibigkeit. Bemerkenswert ist dabei das starke Anwachsen dieser Zahlen in den letzten Jahrzehnten. Was aber sind die Folgen dieser Entwicklung, was sind die Ursachen?
Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hat sich die Zahl der Übergewichtigen seit den 90er Jahren in Deutschland verdoppelt. Noch stärker war der Anstieg in Familien mit niedrigem Sozialstatus und solchen mit Migrationshintergrund. Bis Ende 2010 rechnet die Weltgesundheitsorganisation WHO mit einem Anstieg der Adipositas-Erkrankungen in Europa auf zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen.
Während die durchschnittliche Lebenserwartung bei heute älteren Menschen auch durch eine veränderte Lebensführung mit gesunder Ernährung und viel Bewegung steigt, droht sich dieser Trend bei den heute jungen Menschen in das Gegenteil zu verkehren. "Derzeit haben wir die erste Generation fettsüchtiger Kinder, die ein so ungesundes Leben führt, dass ihre Lebenserwartung geringer ist als die ihrer Eltern", stellt David Ludwig, Direktor des Kinderhospitals Boston, in einer Studie in den USA fest.
Fettleibigkeit hat mit zunehmender Verbreitung auch wesentliche Folgen für die Gesundheitskosten und damit für das Sozialsystem. Nach Angaben der Bundesärztekammer belaufen sich die durch Adipositas verursachten Ausgaben für das deutsche Gesundheitssystem bereits heute auf jährlich 15 bis 20 Milliarden Euro.
Wissenschaftliche Studien belegen: Das zunehmende Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen resultiert im Wesentlichen aus einem veränderten Freizeit- und Ernährungsverhalten. In vielen Kinderzimmern finden sich heute Spielekonsolen, Fernseher oder Computer.
Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey ( KiGGS(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) ) des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2006 kommt zum Ergebnis, dass im Durchschnitt die Gruppe der 11 bis 17-jährigen Jungen fast vier und die gleichaltriger Mädchen knapp drei Stunden des Tages vor elektronischen Medien verbringen. Die Zahl der Dicken verdoppelt sich bei einem Fernsehkonsum von drei Stunden und mehr. Dicker als der Durchschnitt sind danach statistisch diejenigen, die mehr als fünf Stunden vor TV und PC sitzen. Die tägliche Bewegung als fester Bestandteil der Freizeitgestaltung tritt demgegenüber zunehmend in den Hintergrund.
Auch das Ernährungsverhalten hat sich verändert. Nach den Ergebnissen der KiGGS-Untersuchung isst ein Großteil der Kinder und Jugendlichen zu häufig Fleisch und Süßigkeiten, hingegen nimmt nur die Hälfte der Jungen und Mädchen mindestens einmal täglich frisches Obst zu sich. Die erhöhte Fettaufnahme und mangelnde Bewegung begünstigen das Entstehen von Herz-Kreislauf-Krankheiten, Bluthochdruck und Diabetes.

"Die Gesellschaft hat sich einfach verändert. Wir weisen eher ein ungünstiges Ess- und Ernährungsverhalten auf und auch ein verändertes Bewegungsverhalten. Und das führt dazu, dass wir mehr Kalorien aufnehmen, als wir verbrauchen. Das wiederum führt eben zu Übergewicht", sagt Hanna-Kathrin Kraaibeek, Leiterin des Projektes "Move & Eat & More"(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) in Münster, das ein übergreifendes, individuelles Schulungsprogramm für übergewichtige Kinder und Jugendliche entwickelt hat.
Es wird in Zukunft darum gehen, Kinder und Jugendliche wieder mehr für Sport und eine gesunde Lebensweise zu begeistern, fordert Professor Hans Lenk, Soziologe und Sportwissenschaftler von der Universität Karlsruhe. Dazu müssten, so Lenk, auch Eltern und Schule verstärkt in die Pflicht genommen werden.