Als mein Vater anfing, sich über seine niedrige Rente zu beklagen, wurde ich wütend. Das Gefühl, dass mit unserem deutschen Rentensystem etwas nicht stimmt, hatte ich schon lange: Immer weniger junge Menschen zahlen ein, immer mehr Ältere erwarten Rente. Mein Vater brachte mich jetzt dazu, mir das System genauer anzusehen. Fazit: Viel ungerechter geht es nicht.
Erst einmal zu den Fakten: Ich bin 37 Jahre alt, zahle in die Rentenkasse ein, bin verheiratet und habe drei Kinder. Für meine Rente zahle ich annähernd den Höchstsatz, so wie es aussieht noch genau 30 Jahre lang.
Mein Vater hört in sechs Monaten auf zu arbeiten. Er hat studiert, bald danach einen guten Job gefunden und sein Leben lang als Angestellter gearbeitet. Er wird den Höchstsatz, 1800 Euro Rente bekommen. "Nur 1800", sagt er, "das System ist doch kaputt, ich habe ein Leben lang den Höchstsatz eingezahlt und jetzt 1800 - davon muss ich die Krankenversicherung bezahlen und gestiegen sind die Renten seit Jahren nicht mehr."
Ganz ehrlich, ich empfand das als Frechheit. Mein Vater und ich, wir haben uns an dem Tag so in die Haare bekommen wie schon lange nicht mehr. Denn in den wenigen Sätzen steckt der Irrsinn unseres gesamten Rentensystems.
"Ich habe mein Leben lang eingezahlt." Nichts hast du 'eingezahlt', gar nichts. Es gibt keinen Topf, in dem das Geld aufbewahrt wird, die Rente ist keine Versicherung, sie ist ein System, in dem, der, der arbeitet, den bezahlt, der nicht arbeitet. Das Problem ist nur, dass immer weniger Deutsche arbeiten und immer mehr Rentner finanzieren sollen.

"...nur 1800 Euro im Monat." Da hört es aber langsam auf. Überlegen wir kurz, wie viel ein junger Mensch verdienen muss, um 1800 Euro netto herauszubekommen. Steuern, 19,9 Prozent Beitrag zur Rentenkasse plus 15 Prozent Beitrag für die Krankenversicherung, dazu Solidaritätszuschlag, Arbeitslosenversicherung und so weiter. 3000 Euro brutto bedeutet das in etwa, so viel müsste ich also verdienen, um genauso viel netto im Portemonnaie zu haben wie mein Vater Rente bekommt. Davon soll aber unbedingt noch eine private Altersvorsorge finanziert werden. Denn wir jungen Leute sollen aus der gesetzlichen Rente nicht zu viel erwarten.
"...die Krankenversicherung muss ich auch noch zahlen." Von wegen. Den Anteil, den bisher der Arbeitgeber zur Krankenversicherung beigesteuert hat, wird bei dir als Rentner die Rentenkasse übernehmen, wird also wieder von denen finanziert, die heute Beiträge zahlen. Allein dieser Zuschuss waren 13,6 Milliarden Euro im Jahr 2007.
"...und gestiegen sind die Renten schon lange nicht mehr." Das war's, da hat es mir gereicht. Um es mal ganz klar zu sagen: Steigerung ist nicht. Die Renten müssen gekürzt werden. Das System ist am Ende, es ist so nicht mehr zu finanzieren. Jeder, der einmal genauer hinschaut, weiß es. Doch keiner schafft es, sich gegen die graue Macht der mehr als 20 Millionen wahlberechtigten Rentner durchzusetzen - das sind etwa ein Drittel der Wahlberechtigten!
Und offen ausgesprochen wird das ganze Dilemma auch nicht. Stattdessen verabschiedet die große Koalition ein Rentensicherungsgesetz, gibt mitten in der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg eine Rentengarantie ab. Das bedeutet: Auch wenn die Löhne sinken, die Renten bleiben gleich. Anders gesagt: Auch wenn die Zahlenden weniger haben, bekommen die Nehmenden gleich viel. Das kann nicht gehen!
Das deutsche Rentensystem ist eigentlich mit der Einführung der Pille als Verhütungsmittel kollabiert. Brachten in den 50er und 60er Jahren Frauen noch durchschnittlich mehr als zwei Kinder zur Welt, waren es ab den Siebzigern nur noch 1,3 Kinder. Die Zahl der neuen potentiellen Beitragszahler hat sich damit fast halbiert. Doch die Rente, die blieb gleich.
So ging es ab da immer weiter: Die Rente stieg brav mit steigenden Einkommen, erste auftauchende Löcher wurden durch Reserven, Buchungstricks oder Steuergelder gestützt. Dann wurde auch noch die Frühverrentung erfunden, um Unternehmen zu entlasten und Unruhen unter älteren Arbeitnehmern zu vermeiden. Und selbst die beitretende DDR wurde mit Hilfe der Rente saniert.

Schon heute reichen die Abgaben der Arbeitnehmer vorne und hinten nicht für die vielen zu zahlenden Renten. 2007 hatte die Deutsche Rentenversicherung Bund Ausgaben in Höhe von mehr als 238 Milliarden Euro. Davon mussten bereits 61 Milliarden aus Steuern gezahlt werden. Nicht einmal fast 20 Prozent Abzüge von meinem Lohn reichen mehr, um das alles zu bezahlen. Meine Steuern müssen auch noch her und der Schuldenberg wächst und wächst.
Steuern braucht es vor allem für die Pensionäre. 2009 erhielten sie von Bund und Ländern etwa 36 Milliarden Euro. Rücklagen gibt es dafür keine, das wird alles direkt aus den laufenden Haushalten bezahlt. Mit den Steuerzahlungen an Rentner ergibt das rund 100 Milliarden Euro im Jahr, die direkt an die Generation 60+ transferiert werden. Für jeden Deutschen sind das 1250 Euro im Jahr, jeweils für mich, meine Frau und meine drei Kinder.
Die einzigen, die wirklich für ihr Alter selber aufkommen, sind Ärzte, Architekten oder Apotheker, die in berufsständigen Versorgungswerken versichert sind. Doch leider sind sie die wahren Parasiten des Systems: Sie haben nie für ihre Elterngeneration gezahlt, sind aus dem solidarischen Umlageverfahren ausgeschieden und haben sich um sich selbst gekümmert. Mit blendenden Renditen.
Papa, es tut mir wirklich leid, aber du wirst beim Nichtstun einfach überbezahlt. 1800 Euro Rente, jeden Monat, etwa 20 Jahre lang - das ist nicht drin, egal wie viel du einmal gezahlt hast. Als die Rente eingeführt wurde, zahlten noch acht Arbeitnehmer für einen Rentner, heute sind es noch zwei. Also meine Schwester und ich. Zusammen zahlen wir derzeit etwa 1000 Euro in die große Umverteilungsanlage Rentenversicherung ein.
Wenn meine Schwester einmal einen guten Job bekommt, werden es vielleicht einmal knapp 2000 Euro sein. Doch dann wird auch meine Mutter ihre Rente erwarten. Auch sie meint eingezahlt zu haben, freut sich auf 1500 Euro jeden Monat. Macht 3300 Euro zu 2000. Fehlt da nicht was?
Das Solidarsystem ist zutiefst unsozial geworden. Jahrelang habt ihr aus der Elterngeneration euch selbst hohe Renten versprochen - weil ihr für eure Eltern hohe Renten finanziert habt. Und habt seit dem Pillenknick immer schön weggeguckt, ignoriert, dass das System kollabieren wird, gehofft, dass es für euch noch reicht. Egal wie viel ich jetzt zahle, so wie ist es sehe, wird für mich nicht mehr genug da sein. Es sei denn, ihr lebt in 30 Jahren noch, wenn ich in Rente gehe. Dann kann ich mit von eurer Rente leben. Die ist so hoch, die müsste auch für mich noch reichen.