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11. Februar 2012
 

ZDF.reportage

 
sonntags, 18.00 Uhr
Arbeitsmarkt - Arbeitslosenzahlen - Typical - Collage. Quelle: ap
Praktika - vermittelt von der Arbeitsagentur

Tricks am Arbeitsmarkt

Arbeitslos und ausgebeutet

Jobsuchende schuften umsonst

Facharbeiter und langzeitarbeitslos: So lautet das Beuteschema von Firmen, die Handwerker für ein Praktikum anheuern. Nach acht Wochen sollen sie einen festen Job bekommen - so das Versprechen. In Wirklichkeit wird nur ihre Arbeitskraft ausgenutzt und danach sitzen sie wieder auf der Straße. ZDF.reporter zeigt, wie eine solche Firma vorgeht.

 
 
 
 

Acht Wochen lang soll Olaf Kapell, ein 39-jähriger Stahlbetonbauer aus Berlin, ein Praktikum in Solartechnik absolvieren. Auch Elektriker Michael Sandkamp aus Potsdam soll erst das Praktikum machen, bevor er die angebliche Stelle bei der Berliner Firma antreten darf. Doch erst einmal verlegt er Steckdosen - was er ohnehin schon gut kann. "Na ja ich mache hier ganz normal Elektrik. Was ich mal gelernt habe. Eigentlich sollte das hier ein Praktikum sein in Sachen Solartechnik."

 

Insgesamt drei Praktikanten sanieren eine leerstehende Altbauwohnung, allein, ohne Vorarbeiter. Einmal am Tag kommt eine Art Aufpasser vorbei. Ein Praktikum, bei dem man sich ein Bild über die Qualitäten des Bewerbers machen will, sieht anders aus. Den Arbeitsvertrag für die Zeit danach haben zwar alle Praktikanten unterschrieben in der Tasche. Doch was ist das Papier wirklich wert?

 

Neue Generation Praktikum

Zu der Firma, die die Praktikanten beschäftigt, hat sie das Jobcenter geschickt. Unter Fortzahlung des Arbeitslosengeldes II. Trainingsmaßnahme nennt sich so etwas in der Behördensprache. Der Firmeninhaber muss für die Arbeitskraft der Praktikanten keinen Cent bezahlen. Das Amt zahlt, selbst wenn Arbeiter danach wieder auf der Straße sitzen. "Da wird der Staat ja auch beschissen, der in erster Linie. Vor allem die Steuerzahler, die es bezahlen. Die Sanierung der Wohnung zum Beispiel!", sagt Olaf Kapell.

Langzeitarbeitslose wie Olaf Kapell sind in der Zwickmühle. Denn weil der Staat für sie sorgt, müssen Arbeitslosengeld-II-Empfänger jede Arbeit annehmen, die Ihnen zugewiesen wird - ansonsten droht die Kürzung der Unterstützung. Die angebliche Stelle wurde allen vom Jobcenter vermittelt, eine Überprüfung aller Angebote kann man dort nicht leisten. Und offensichtlich hat sich unter Jobcentern nicht herumgesprochen, dass die betroffene Firma gar keine Stelle zu vergeben hat. Es kommen immer wieder neue Bewerber, geschickt vom Arbeitsvermittler.

 

Überraschendes Bewerbungsgespräch

Für Olaf Kapell sieht inzwischen alles danach aus, als würde sich die Firma gestandene Bauleute als Praktikanten besorgen, in der Absicht, sie nach getaner Arbeit so schnell wie möglich wieder los zu werden. Kapell wörtlich: "Ich glaube, da läuft was ganz, ganz schief. Ich bin der Meinung, dass die sich wirklich nur Praktikanten nehmen, um irgendwelche Bauten herzustellen. Und dann die Leute wieder abservieren."

 

Als wir selbst sehen wollen, wie so ein Bewerbungsgespräch bei der Firma abläuft, erleben wir eine Überraschung. Unser Kameramann, Ende 40, bewirbt sich als Fliesenleger. Für sein Vorstellungsgespräch ist er mit einer versteckten Kamera ausgestattet. Das Gespräch mit unserem Bewerber lief ungefähr folgendermaßen ab:

 

Firma: So sie sind Fliesenleger? Richtig Facharbeiter?
"Bewerber": Ja, gelernt.
Firma: Und wie lange ohne Arbeit?
"Bewerber": Seit zwei Jahren

 

Aufruf zum Sozialleistungsmissbrauch

Facharbeiter und langzeitarbeitslos - genau das, was die Firma sucht. Denn in diesen Fällen genehmigen die Jobcenter problemlos Praktika. Einen festen Arbeitsvertrag könne man schon nächste Woche unterschreiben, sagt der Mann. Vorher solle man seinen zuständigen Arbeitsvermittler um die Genehmigung eines Praktikums bitten.

 

Bis zu 950 Euro Reisekosten wären beim Jobcenter rauszuholen, sagt der Mann, zusätzlich zum Arbeitslosengeld II. Für diese Reisekosten müsse man nur angeben, dass das Praktikum offiziell 70 Kilometer entfernt vom Wohnort stattfindet. Wer aber für sein Praktikum falsche Reisekosten beantragt, begeht Sozialleistungsmissbrauch. Unser Mann soll mit den Papieren vom Jobcenter wiederkommen. Und natürlich soll er beim Amt nicht verraten, dass man ihn ausschließlich in Berlin einsetzen will.

 

Und Olaf Kapell? Dem wurde nach den acht Wochen Praktikum gekündigt.

 

Infobox

Arbeitslos und ausgebeutet

Reportage von Tonja Pölitz
Kamera: Bernd Jüschke, Robert Schröder, Andreas Schulze, Markus Stockhaus
Schnitt: Steffi Hammer
Sendetermin: 17.April 2008 bei ZDF.reporter

 
 
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