Eine Woche zuvor paukte ich noch im Spanisch-Leistungskurs am evangelischen Gymnasium in Lippstadt. Und nun stand da Kursleiterin Señora María im Indianer-Kostüm aus Wildleder vor mir und begrüßte mich zum Sprachkurs im fernen Ecuador. Während meiner zweimonatigen Sprachreise in Südamerika machte ich jede Menge Erfahrungen - leider nicht nur positive.
Schon lange vor dem Abitur stand für mich fest, dass ich die Zeit zwischen Schulabschluss und Studienbeginn im Ausland verbringen wollte. Da Spanisch als Studienfach schon feststand, war schnell klar, dass das Ziel ein spanischsprachiges Land sein sollte. Nach Spanien kann man als Deutsche ja eigentlich immer mal wieder - es durfte schon ein etwas exotischeres Ziel sein.

Südamerika also. Bloß, was tun? Streetworkerin in Buenos Aires? Straßenkindern in Bogotá helfen? Ich wählte dann eine Tätigkeit, die mich auch auf mein späteres Studenten- und Berufsleben vorbereiten konnte: Ein Praktikum bei einer zweisprachigen Tageszeitung mit vorangehendem Sprachkurs. Also suchte ich mir übers Internet eine passende Agentur, die mir helfen sollte, eine Gastfamilie, einen Praktikumsplatz und eine Sprachschule zu finden. Schnell stand auch mein Wunschziel fest: Ecuador. Das kleine, aber sehr vielfältige Land direkt am Äquator mit der Hauptstadt Quito. Quito, ich komme!
Der Sprachkurs, der insgesamt mit Unterkunft und Verpflegung zirka 400 Euro pro Woche kostete, begann vor dem Praktikum, denn er sollte gewährleisten, dass ich als Ausländerin am ersten Arbeitstag bei der Zeitung auch über ausreichende Sprachkenntnisse verfügte. So betrat ich - von 15 Stunden Flug und 8 Stunden Zeitverschiebung etwas gezeichnet - bereits einen Tag nach meiner Ankunft die Sprachschule, in die mich meine Agentur vermittelt hatte: Ein hübsches kleines Gebäude, sehr gepflegt und ordentlich - absolut keine Selbstverständlichkeit im eher armen Ecuador.
Die erste optische Überraschung war meine Lehrerin, die eingangs erwähnte Señora María, in ihrem Indianer-Kostüm. Sehr sympathisch trat sie auf - und das war ja erst mal die Hauptsache. Sie und ihre Kollegen in der Sprachschule betreuten mich auch wirklich gut, standen mir mit Rat und Tat zur Seite. Der Unterricht war aber leider nicht sehr effektiv, denn wir paukten größtenteils Grammatik - die kannte ich aber schon von meiner Schulzeit aus dem Effeff.
Meiner Meinung nach haben mir das Leben in der netten Gastfamilie und der alltägliche Umgang mit der Sprache wesentlich mehr gebracht als der Unterricht. Schüler, die ohne jegliche Vorkenntnisse in die Sprachschule kamen, hatten aber ganz andere Probleme: Mit den Englisch-Kenntnissen mancher Lehrer war es nicht weit her, die Verständigung deshalb schwierig.

Auch das von der Agentur vorher groß angekündigte Kulturprogramm, das die Schule anbieten sollte, enttäuschte mich. Letztendlich beschränkte sich das Programm auf das einmal wöchentlich angesetzte gemeinsame Suppenkochen. Weitere Aktivitäten, wie zum Beispiel die Erkundung der Altstadt Quitos, fanden nur auf die Initiative von uns Schülern statt.
Insgesamt muss ich sagen, dass mir der Kurs für die Sprachfertigkeit kaum etwas gebracht hat. Wenn man ein für Europäer so fremdes Land wie Ecuador besucht, schadet es aber nicht, zuerst einmal zwei Wochen in der behüteten Sprachschule zu verbringen, um sich einzuleben und an die Sitten und Bräuche zu gewöhnen. Erwarten sollte man aber, wenn es zum Beispiel um Kulturprogramme geht, nicht zu viel.
Ich kann jedem nur empfehlen, sich während des Kurses in einer Gastfamilie einzuquartieren, denn dort lernt man die Sprache und die Kultur des Landes besser als in jeder Sprachschule kennen.
Allerdings sollte man sicher vorher möglichst über die Gastfamilie erkundigen, weil die Unterbringung bei Sprachreisen nicht selten zum Problem wird. Manche Sprachschulen vermitteln auf Wunsch den Kontakt zu früheren Teilnehmer, die bei der Gastfamilie gewohnt haben. Andere Schulen bieten auf ihren Internet-Seiten Foren an, in denen Schüler ihre Erfahrungen austauschen können. Auch ein Anruf bei der Gastfamilie vor der Abreise kann sinnvoll sein und dabei helfen, Missverständnisse oder falsche Erwartungen zu vermeiden.
Eine Reportage von Martin Schiffler
Kamera: Jan-Peter Sölter
Schnitt: Carla Sperber
Sendedatum: Donnerstag, 30. April 2009, 21 Uhr, bei ZDF.reporter