Kuschelwahlkampf! Gähnende Langeweile beim TV-Duell! Zumindest in der deutschen Medienlandschaft bekommen die beiden Hauptkombattanten Angela Merkel (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) ihr Fett weg. Aber wie betrachtet ein Ausländer die Scharmützel der Kandidaten vor der Bundestagswahl? Roger Boyes ist britischer Journalist, Deutschland-Korrespondent der London Times und beobachtete den Wahlkampf für die ZDF.reportage mit dem Titel "...ob sich was ändert?". ZDFonline sprach mit dem 57-Jährigen über den Wahlkampf, über bemitleidenswerte Politiker - und über die Lindenstraße.
ZDFonline: Herr Boyes, was halten Sie vom Wahlkampf in Deutschland?
Roger Boyes: Er ist ziemlich inhaltslos. Und das TV-Duell war nur eine weitere Bestätigung dafür. Ich hatte beim Schauen den Eindruck: Hier ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Das ist wie ein Baum, dem man beim Wachsen zusieht: Politik in Zeitlupe.
ZDFonline: Was waren die Probleme im Wahlkampf?

Boyes: Durch die intensive Beobachtung des Wahlkampfs hat sich auch meine Sicht auf die Politik geändert. Ich empfinde jetzt eher Sympathie als Abneigung. Die Finanzkrise hat den Politikern jede Option genommen, ihr Gestaltungsspielraum ist weg. In den letzten Jahren durften Politiker nur noch die Interessen der Banken und Finanziers vertreten. Und auch für die Wähler ist offensichtlich geworden, dass die Politik nichts ändern kann. Das ist das erste große Problem.
Boyes wurde am 7. August 1952 im westenglischen Hereford geboren. Seit 1993 lebt er in Deutschland und berichtet aus Berlin als Deutschland-Korrespondent für die London Times. Mit seinen bissig-ironischen Betrachtungen amüsiert er nicht nur seine Leser auf der Insel. In seinem 2006 erschienenen Bestseller "My dear Krauts" hielt er der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. Ein Jahr später erschien der Nachfolger "How to be a Kraut".
ZDFonline: Dann gibt es wohl auch ein zweites Problem?
Boyes: Das zweite Problem ist das Wahlvolk selbst. Der Höhepunkt einer Wahl sollte doch eigentlich der Wahltag sein. Und dann sehe ich, dass hier in Deutschland um 18.50 Uhr nach ein paar ersten Hochrechnungen die Lindenstraße läuft (die Lindenstraße läuft am 27. September erst um 21.10 Uhr, Anm. d. Red.). Das verdeutlicht für mich die Neigung der Deutschen zum Klein-Klein. Da ist kein Platz für große Vision. Ein Barack Obama wird gefeiert, aber niemand würde ihn hier haben wollen.
ZDFonline: Gibt es weitere nette Beispiele für ihre Klein-Klein-Theorie?
Boyes: Schauen Sie sich an, was von den verschiedenen Perioden im Gedächtnis blieb. Das Symbol der rot-grünen Regierung ist das Dosenpfand. Was bleibt vom Finanzkrisenmanagement Angela Merkels hängen? Die Abwrackprämie! Während der politischen Debatte über die Agenda 2010 waren die Ladenöffnungszeiten das Schlüsselthema. Ich will nicht arrogant klingen, aber die Deutschen bekommen die Wahl, die sie verdienen. Es gibt hier keine strenge politische Klasse.
ZDFonline: Ist das denn in England anders?
Boyes: Bei uns gibt es eine Opposition! Wir haben kein großes TV-Duell vor einer Wahl. Das TV-Duell gibt es einmal in der Woche. In der Question-Time stellt die Opposition jeden Dienstag pingelige Fragen, das Fernsehen überträgt live. In Deutschland ist auch keine klare Trennungslinie zwischen den Parteien mehr zu erkennen. Wie stehen die Möglichkeiten, dass ich hier Diktator werde? Ich würde die Große Koalition für verfassungswidrig erklären. Sie ist antidemokratisch, weil die Opposition an den Rand gedrängt wird.
ZDFonline: So wie Sie über die Politik reden, klingt es fast, als täten Ihnen die Protagonisten Leid?

Boyes: Ein bisschen schon. Politiker müssen zum Teil ihr Privatleben öffentlich machen. Sie erhalten - im Vergleich zur freien Wirtschaft - bescheidene Einkommen. Sie sind Fußsoldaten, tun nur, was sie innerhalb ihrer Grenzen tun können. Eigentlich ist in der Politik Idealismus notwendig, aber dieser wird aus diesen Leuten herausgequetscht. Ich fände es besser, wenn junge Menschen Politik als Gestaltungsspielraum sähen, das machen sie aber nicht. Die Folge ist Mittelmaß. Hier heißt es nicht umsonst: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Ich finde, dass mehr Menschen Politiker werden sollten, die aus einem anderen Umfeld kommen, zum Beispiel Ärzte. Aber die Ärzte sind nur am Meckern.
ZDFonline: Zurück zum Wahlkampf. Wer hat Ihrer Meinung nach das bessere Bild abgegeben? Steinmeier oder Merkel?
Boyes: Es kommt ja auch auf die Erwartungen an, die man stellt. Und die SPD hat sehr gut daran getan, die Erwartungen herunterzuschrauben. Deshalb kommen die SPD und Steinmeier nun besser rüber. Aber erklären Sie den Wahlkampf mal einem Engländer. Wie bringe ich meinen Landsleuten bei, dass Überhangmandate die Wahl für Schwarz-Gelb entscheiden könnten. Die denken, Überhangmandate hätten was mit Vera Lengsfeld zu tun (die CDU-Politikerin, die mit tiefem Dekollete auf Plakaten warb, Anm. d. Red.).
ZDFonline: Die Briten nennen uns Deutsche gerne Krauts. Wer ist krautiger, Merkel oder Steinmeier?
Boyes: Oskar Lafontaine: Große Augen, verrückt, neigt zu Überemotionalität. Typisch deutsch. Aber im Ernst. Was sind die Merkmale, die wir Deutschen zuschreiben? Fleiß, Sauberkeit, Treue, Ordnung, Pünktlichkeit, Humorlosigkeit. Das stellen irgendwie beide dar, Merkel und Steinmeier. Vor allem Humorlosigkeit. Haben Sie während des TV-Duells mal einen Witz gehört? Der Einzige, der die SPD hätte retten könne, wäre Franz Müntefering gewesen. Der hätte den Wahlkampf mit Energie und Witz geführt. Außerdem hätte er stärker die Trennungslinie zwischen Sozialdemokratie und Union gezogen. Die Besetzung von Steinmeier als Kanzlerkandidat war ein Fehler.
Eine Reportage von Broka Herrmann
Kamera: Marc Nordbruch
Sendedatum: Sonntag, 20. September 2009, 18.30 Uhr, ZDF.reportage