Der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor hat Insolvenz beantragt. Die Kaufhäuser stecken in der massivsten Krise ihrer Unternehmensgeschichte. ZDFonline blickt auf die Geschichte der Konsumtempel und sucht nach Gründen für die aktuellen Probleme.
Die Geschichte der deutschen Kaufhäuser reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1881 eröffnete Rudolf Karstadt in Wismar das erste Karstadt-Warenhaus: Das "Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt". Hinter der Eröffnung der ersten Warenhäuser stand ein Wunsch: Man wollte Waren für Jedermann zu einheitlichen Preisen anbieten. In einer Zeit, in der Anschreibungen beim Kaufmann durchaus noch üblich waren, verlangten die Kaufhäuser Barzahlung. Im Gegenzug lockten sie die Kunden mit Neuheiten wie Geld-zurück-Garantien.
Steil bergauf ging es für die Kaufhäuser ab der Jahrhundertwende. Bis 1931 eröffnete der Karstadt-Konzern Dutzende von Warenhäusern in Nord- und Mitteldeutschland. Die Weltwirtschaftskrise 1929 führte zu einem heftigen Wachstumseinschnitt. Einen weiteren Rückschlag für die Handelsbranche brachte die antisemitische Politik der Nationalsozialisten mit sich. Kaufhäuser wurden fortan als eine "jüdische Erfindung" stigmatisiert - es kam zu zahlreichen Enteignungen.
Mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ging es auch in der Handelsbranche bergauf. Die Kaufhäuser profitierten von der steigenden Kaufkraft.
1977 erzielte Karstadt einen Umsatz von mehr als zehn Milliarden DM, war damit das größte Handelsunternehmen der Bundesrepublik. Doch Mitte der 80er brachen bei vielen Kaufhäusern die Umsätze ein. Laut Marco Atzberger vom Einzelhandels-Institut "EHI Retail Institute" habe das zum einen an der allgemeinen Wirtschaftsflaute, aber auch an einer Veränderung der Lebensgewohnheiten gelegen. "Viele Menschen zogen zu dieser Zeit an die Stadtränder. Man kann regelrecht von einer Stadtflucht sprechen. Dort wurden sie gut mit Supermärkten und Shopping-Malls versorgt. Und die Innenstädte, also auch die Kaufhäuser, blieben leer", erklärt Atzberger.
Es folgte eine Welle von Übernahmen und Fusionen. Atzberger sieht darin den Beginn einer Strukturveränderung. "Lange Zeit gab es vier Kontrahenten: Karstadt, Kaufhof, Horten und Hertie. Nach den Übernahmen blieben nur noch Karstadt und Galeria Kaufhof."
1999 ging Karstadt mit dem Versandhaus Quelle zusammen und stieg dadurch zum zweitgrößten Handelshaus in Europa auf. Die Fusion schien vielversprechend, doch bereits nach kurzer Zeit sanken die Gewinne. Experten werfen dem Management vor, man hätte die Krise durch frühzeitiges Handeln abwenden können. "Schon in den 90ern hätten Maßnahmen ergriffen werden müssen", kritisiert Atzberger. "Man hätte überlegen müssen, ob man kleinere Häuser entwickeln kann und insgesamt eine höhere Marktnähe entwickeln müssen."
Die Kundschaft habe sich geändert. Die gesellschaftliche Mitte als Hauptzielgruppe werde immer dünner. "Dadurch profitieren zum einen Discounter wie KiK und Takko, zum anderen die Premiumanbieter", so Handelsforscher Atzberger. Für die Kaufhäuser mit ihren breiten Produktpaletten sei es sehr viel schwieriger, flexibel auf die Schwankungen der Nachfrage zu reagieren. In diese Service-Lücke seien dann die Konkurrenten gesprungen. "Modeketten wie H&M sind in der Lage, ihr Sortiment alle zwei Wochen umzustellen.", sagt Atzberger. Auch die Angebote im Internet hätten Einfluss auf die Kaufhäuser. Jedoch sei gerade im Fall Karstadt der Internetversand keine Bedrohung. "Durch die Zusammenarbeit mit Quelle kann Karstadt auf langjährige Erfahrungen im Online-Versand zugreifen", so die Einschätzung des Handelsforschers.

Trotz der Krise der Kaufhäuser sieht Atzberger auch Chancen: "Innenstädte sind wieder im Trend, es gibt Potential: vom jungen Single bis zum Senioren schätzen die Menschen den urbanen Lebensraum." Diese positive Stimmung müsse von den Kaufhäusern aufgefangen und genutzt werden.
Dennoch werde es Einschnitte geben. So rechnet Atzberger damit, dass lediglich in Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern ein Kaufhaus eine zweifellose Berechtigung habe. "Kaufhäuser in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern werden künftig eher der Sonderfall sein." Die Kaufhäuser werden also nicht gänzlich aus dem Stadtbild verschwinden. Aber es wird insgesamt wohl wesentlich weniger Konsumtempel geben.